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Kippgedichte

Die meisten Menschen glauben, dass sie sich klar ausdrücken, dass ihr Gegenüber doch verstanden haben müsste, was sie ihm sagten. Dies ist mitnichten der Fall. Sprache ist vieldeutig. In der Literatur kann man diese Mehrdeutigkeit gezielt einsetzen.

2007 habe ich den Begriff „Kippgedichte“  geprägt, um damit eine Sonderform von Dichtung zu benennen. Ich lehne mich dabei an die Kippbilder in der Malerei an, bei der man z.B. in einem Bild entweder eine alte oder eine junge Frau erkennt, eine Vase oder zwei Profilansichten. Dies kann man auf Gedichte übertragen.

So kann man bei einem Kippgedicht zwei verschiedene - zumeist konträre - Interpretationen herauslesen.  Oft findet sich eine Schlüsselzeile, die die beiden unterschiedlichen Perspektiven eröffnet bzw offenbart.

Als Beispiel sei hier mein Gedicht "Die Wahl" aufgeführt:

 

 

Die Wahl

 

Der Vater meinte

du hast die Wahl bei den Weibern

zwischen

Wildblumenstrauß

oder

einer roten Rose

zwischen

herbem After Shave

oder

naturbelassen

 

Ich entschied mich

bis heute

 

 

 

© Thomas M. Mayr

aus: "Zwiesam",  2007

Eine "dynamische (animierte) Form" einer Kippfigur liegt bei diesem Bild von Nobuyuki Kayahara von 2003 vor (Quelle Wikipedia -> http://www.procreo.jp/labo/labo13.html). Die Pirouetten drehende Tänzerin kann als links- oder rechtdrehend wahrgenommen werden.

Root Leeb:

Der Lesende

2010, geklebtes Papier

 

Der Lesende

 

Ist das denn Kunst
kann das nicht weg
Ein Leser auf dem Klo
Ich bitte Sie

 

 

© Thomas M. Mayr, 2017

 

©

Maurits C. Escher (1898-1972):

Sky and Water I

1938 Woodcut

 

1938 Woodcut. 439mm x 435mm.

© ?

wird  Edgar J. Rubin (1886–1951) zugeschrieben

©

nach einem Postkart-enmotiv von 1888

Eine dynamische Spielart eines Kippgedichtes ist gegeben, wenn man es sowohl als Monolog wie auch als Dialog auslegen kann; Hierzu das folgende Gedicht, das zu einem Bild von Ruth Leeb entstand.

 

© Nobuyuki Kayahara

   "Spinning dancer"

 

verloren

 

verloren

am fenster stehen

mit verschwommener pupille

einsilbig jeder tag

verloren

im flimmern allabendlicher szenarien

eine königin ohne nacht

nur treibholz im speichelfluß seiner versprechen

verloren

im bermudaziehungsdreieck

abgetaucht bis zum flaschengrund

und keine post von unbekannt

verloren

in den endlosschleifen seiner schwüre

im trichterkrater der entrüstungen

gegen dralles rundes

verloren

des buhlens müde

im silbernen käfig

in den falten der liebe

verloren

 

sie hat sich selbst

sie hat ihre träume

 

 

© Thomas M. Mayr

aus: "Zwiesam", 2007  

Wieder eine andere Ausdrucksmöglichkeit wäre ein Lückentext, bei dem der Leser einen Inhalt ergänzt - oder auch nicht. Diese Variante ist relativ bewusstseinsnahe bzw schnell zu durchschauen

Ein Kippgedicht ist somit gekennzeichnet durch eine intendierte Zweideutigkeit, wobei zwei (evtl. vier) dezidierte - zumeist widersprüchliche - Sichtweisen zum Ausdruck kommen. Es geht mithin um den Wechsel der Perspektive, um ein Sich-Einfühlen in beide Aspekte. An anderer Stelle wurden dazu philosophische, psychologische oder auch neurobiologische (z.B. je nachdem, ob man die Tänzerin sich rechts oder links herum drehend wahrnimmt, ist die entsprechende Hirnhemisphäre führend) Betrachtungen angestellt. Soweit will ich hier nicht gehen.

Weitere Kennzeichen eines Kippgedichtes sind, dass sich die Doppeldeutigkeit auf das Gedicht als Ganzes bezieht.

Ein Kippgedicht kann meist noch gelesen werden

 

Man kann das Ganze noch auf die Spitze treiben und aus dem Kippgedicht ein Vexierspiel machen (Vexierbild = Bilderrätsel), wie wir dies auch bei den bildenden Künstlern finden. Dazu kann sich der Dichter die Schwächen der deutschen Grammatik zu eigen machen, wenn Zuordnungen nur unzureichend beschrieben sind.

 

Ein weiteres Beispiel finden Sie: hier

 

deutsches vexier (2)

 

sie sieht sie

sie grüßt

sie grüßt sie nicht

sie wechselt die straßenseite

 

sie hat gesehen

dass sie sie grüßte

sie kann stur sein

sie grüßt sie

nicht

 

 

© Thomas M. Mayr, 2017

Hier weiß man nicht, wer grüßt und wer nicht, wer stur ist oder die Straßenseite wechselt Die Intention dieses Gedichtes ist - bei aller Zweideutigkeit -, wie ähnlich sich gerade beide Kontrahenten sind ;-).

 

 

Ein ausführlicher Artikel zu Kippgedichten und Vexieren liegt hierzu gerade einer namhaften Literaturzeitschrift zur Veröffentlichung vor.

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